
Aus der FTD vom 16.05.2008
© 2008 Financial Times Deutschland, © Illustration:
von Lorenz Wagner (Windhagen)
Die Geschichte des Dorfes Windhagen klingt wie ein Märchen: Allein
drei Weltmarktführer sitzen hier, Dutzende Firmen, und jedes Jahr
kommen neue hinzu: Aber es ist kein Märchen. Es ist die Geschichte
eines Mannes, der ein einzigartiges Hobby hat.
Irgendwo im Nirgendwo, zwischen Siebengebirge und Westerwald liegt
ein Landstrich, in dem der Wind von vier Seiten pfeift und die
Menschen lieber Kartoffeln als Blumen pflanzen. Die Hügel sind karg,
die Äcker steinig, den Dörfern fehlt es an Licht und Trottoirs. Doch
mitten in diesem toten, vergessenen Land liegt ein Dorf, das so anders
ist als die anderen: Windhagen. Seine Gassen sind geputzt, die Kirche
leuchtet, und am Marktplatz plätschert ein Brunnen vor sich hin. Josef
Rüddel, der Bürgermeister, hat wahrlich viel vorzuweisen, wenn
Besucher kommen. Und es kommen viele. Sogar der Dalai Lama war in
Windhagen.
Am liebsten aber zeigt Rüddel den Gästen nicht das adrette
Kirchdorf, nein, sein Mercedes biegt schon weit vorher ab, in eine
Straße hinein, auf der matschige Reifenspuren kleben und sich
Dieselgestank mit Landluft mischt. Hier gibt es ein Wunder zu erleben.
Das Wunder von Windhagen.
"Dort links", sagt Rüddel mit rheinischer Singsangstimme, "liegt
die Firma Batex, eine Topfirma, die machen Badezimmergarnituren, ich
sage Ihnen, das läuft sehr gut. Daneben, das ist Noma, auch eine
Superfirma, die machen Getriebe. Hier rechts, Noelken, Hygienesachen,
die müssen jetzt erweitern. Dort die Firma Kornmeyer,
Grafitverarbeitung, ich sag Ihnen, da läuft es, die sind doppelt so
groß, wie sie mal waren, die Tennishalle da oben gehört ihnen auch. Da
unten ist Geutebrück, Sicherheitstechnik, die sind Weltmarktführer.
Und hier diese Firma, die macht nur Paletten für die anderen. Die
Baustelle dort, da legen wir gerade Breitbandkabel. Und rechts die
freie Fläche ist schon verkauft, an JK Ergoline, die sind
Weltmarktführer für Solarien. Auch die Wiese links haben wir verkauft,
die Firma kommt in einem Jahr, wir haben schon mal einen Wendehammer
gebaut. So, und jetzt fahren wir zu Wirtgen. Auch eine Superfirma,
Weltmarktführer, die beschäftigen hier mehr als 1200 Menschen."
"Mein Hobby ist es, Firmen anzusiedeln"

Josef Rüddel sitzt vor dem neuen Firmengelände der Firma Wirtgen,
einem der drei Weltmarktführer in Windhagen
Der Bürgermeister redet und redet, dabei bräuchte er nur zu
schweigen und zu fahren, man staunt auch so, über dieses Dorf. 600
Menschen leben in Windhagen, rechnet man die sechs Nachbardörfer ein,
sind es 4500. Und doch ist Windhagen der Sitz von Dutzenden Firmen und
gleich dreier Weltmarktführer. Und sie haben nicht zusammengefunden,
weil sie Märkte und Wissen teilen, weil sie sich an ein Cluster, an
ein Netz an Firmen und Forschern anschließen wollten. Sie sind nach
Windhagen gekommen, weil das Dorf ihnen etwas bietet, was in
Deutschland selten geworden ist: Freiheit.
Begonnen hat alles mit einem kleinen Mann mit weißem Haar, roter
Haut und fleischigem Gesicht: Josef Rüddel. Er ist 83 Jahre alt und
hat ein eigentümliches Freizeitvergnügen: "Mein schönstes Hobby ist
es, Firmen anzusiedeln."
Als ihn die Windhagener vor 45 Jahren zum ersten Mal zu ihrem
Bürgermeister wählen, ist ihr Dorf so arm wie die anderen in der
Gegend. Gott scheint sie beim Verteilen seiner Schätze vergessen zu
haben. Nur Wind und Steine haben sie im Überfluss, sie wurschteln auf
ihren Höfen vor sich hin, nur von Zeit zu Zeit kommt etwas Glanz in
die Gemeinde. Die Vorstände von Bayer haben die Jagd gepachtet.
Eines Tages hört der Bürgermeister, dass die Bayer-Tochter Agfa aus
Leverkusen wegwill. Nach Bad Honnef, heißt es, keine 20 Kilometer von
Windhagen entfernt. Also setzt er sich zu den Herren, trinkt einen mit
und macht sie "parat", wie er es nennt: Sie brauchen Land? Besorge ich
Ihnen. Straßen? Bauen wir. Elektrik und Wasser? Kein Problem!
Genehmigungen? Sie scherzen! Gewerbesteuer? Sie werden erfreut sein!
Der Weltmarktverführer
von Lorenz Wagner (Windhagen)
Von nun an lockt Rüddel Firmen nach Windhagen, kleine Betriebe,
Mittelständler, größere Firmen, alle im Ort verdienen mit, der
Schmied, der Krämer, das "Hotel zur Post", und das Dorf, die
Windhagener verändern sich. Was als Ansiedlung begonnen hat, wird zu
einer Inspiration, in einige Einheimische fährt der Unternehmergeist,
allen voran in Reinhard Wirtgen, der einen Betrieb für Baumaterialien
gründet und Straßenfräsen baut - ein Zukunftsgeschäft in den
Wirtschaftswunderjahren.
Der Bürgermeister hilft, wo er kann, besorgt Grundstücke, setzt sich
mit dem neuen Freund zusammen. Sie planen und bauen, und die Firma
wächst, und Windhagen wächst mit, das Dorf baut die Schulden ab und
ist mit seinem Überfluss an Bauland und Mangel an Bürokratie bald ein
Geheimtipp für Unternehmer. Und wer es noch nicht weiß, dem erklärt es
Rüddel auf seine ganz besondere Art.
Eines Tages gesellt er sich in einer Bar zu Thomas Geutebrück. Der
Gründer baut Sicherheitskameras, und sein Erfolg ist so groß, dass die
Firma in ihrem Werk in Bad Honnef schier erstickt. Rüddel erzählt ihm,
wie gut sich in Windhagen Geschäfte machen ließen, und verrät
Geutebrück auch sonst alles Mögliche, etwa wo und wann er am besten
anrufe - nur eine Sache, die verschweigt er: dass er der Bürgermeister
der Gemeinde ist, auf die er gerade eine Ode singt. "Sie kenn ich
doch!", staunt der Angelockte, als er sich nach einigen Telefonaten
mit den Gemeinderäten trifft.
Ein Angebot, das man nicht ablehnen kann
"Es war ein Angebot, das wir nicht ablehnen konnten", sagt Katharina
Geutebrück, die heutige Chefin. "So viel Platz, wie wir wollen, voll
angeschlossen, für 15 Mark den Quadratmeter." Bad Honnef wollte 60
Mark. Und Windhagen liegt zwar in der Einöde, ist aber leichter zu
erreichen als manche Stadt. Bis zur Autobahn sind es drei Kilometer,
bis zum ICE-Bahnhof Siegen 30 Autominuten, bis zum Flughafen Köln-Bonn
40 Kilometer.
Von hier lassen sich leicht Geschäfte machen, sogar für
Weltmarktführer. Da sind Ergoline, dessen Solarien zwei von drei
Verbraucher kennen. Und Geutebrück, der in seiner Branche Siemens und
IBM übertrumpft und im Mittleren Osten wächst. Und Wirtgen, der mehr
als 1 Mrd. umsetzt und Rüddel bei seiner Besichtigungsfahrt den Stolz
in die Stimme treibt.
Nur ungern lässt Wirtgen Fremde auf sein Gelände. Aber Rüddel braucht
nur zu winken, schon schwingt das Tor auf. Haushohe Fräsen in
militärischer Reihe. "Das sind Klamotten, gewaltig", sagt der
Bürgermeister. Und er erzählt vom Aufstieg der Firma, als sei sie
seine eigene, zeigt die Garage, in der alles begonnen hat, fährt
weiter zum neuen Firmengelände, das Wirtgen von Agfa gekauft hat.
"Wenn wir fertig sind, sind das 40 Hektar. Das alles kommt weg." Er
deutet auf ein Häuschen. "Die kriegen ein neues Haus. Ist alles in der
Mache, alles in der Reihe."
Der
Weltmarktverführer
von Lorenz Wagner (Windhagen)
Alles in der Mache, alles in der Reihe - daraus entspringt Windhagens
Erfolg. Auch andere Orte haben in ihrer Nähe Bahnhof, Autobahn und
Flughafen. Aber sie haben keinen, der alles in die Reihe bringt. "Ohne
Herrn Rüddel wäre das alles nicht möglich gewesen", sagt Katharina
Geutebrück. Und Reinhard Wirtgens Sohn Jürgen lobt das "oft
unkonventionelle Vorgehen" Rüddels. "Die Wege sind kurz und direkt.
Der Standort Windhagen ist so erst groß geworden."
Lob überall. Und gar keine der üblichen Unternehmerklagen: über
Bürokratie und Vorschriften, über Sachzwänge und den Menschen, der in
Strukturen gefangen sei.
"Die Windhagener sind bereit, etwas anzupacken. Und dabei wird uns
geholfen. Hier haut dir keiner die Paragrafen um die Ohren", sagt
Martin Buchholz, ein Mittelständler, der alle zwei Jahre eine
Gewerbeschau organisiert. Zuletzt haben 141 Firmen mitgemacht, es
kamen 15.000 Besucher.
Und so weht ein besonderer Geist durch das Dorf. Der Windhagener ist
frei. Für jeden, na ja, für fast jeden sächlichen Zwang gibt es einen
menschlichen Ausweg. "Wir haben nicht so gerne mit Verordnungen zu
tun", sagt Josef Rüddel. "Wir reden lieber mit den Leuten." Und ärgert
sich ein Chef beim Kaffee darüber, dass er den Teich auf dem
Firmengelände einzäunen muss, so kauft ihm die Gemeinde den eben ab.
Vielleicht ist es eine Frage der Generation. Rüddels Tun hat etwas von
Wirtschaftswunder-Gebaren. Erst machen, dann fragen. Während der
Nachbarort noch überlegt, ob er eine Taxikonzession vergibt, macht
Rüddel dem Antragsteller schon ein Angebot. "So ist unser Josef", sagt
der Taxiunternehmer. Die gleichen Worte sagt ein Chef, der vor einiger
Zeit schnell anbauen wollte. "Da hat er gesagt: Fang einfach an, ich
kümmere mich um die Genehmigung." Und er kriegte sie. Wenn Rüddel
einen Baurat fürchtete, ging er eben zu dessen Sekretärin. Frauen
können ihm nichts abschlagen, heißt es im Dorf.
So macht Rüddel seine Politik, so wird er seit vier Jahrzehnten
gewählt und trotzt den Kritikern im Dorf, die sagen, Windhagen habe
seine Tradition verkauft, sei von Firmen umzingelt und Enteignungen
habe es auch gegeben. "Es ging immer ohne", widerspricht Rüddel.
"Verfahren eingeleitet ja. Aber wir haben sie nie durchgezogen."
Der
Weltmarktverführer
von Lorenz Wagner (Windhagen)
"Rüddel ist ein Schlitzohr", sagt ein befreundeter Architekt. -
"Adenauer war auch ein Schlitzohr", sagt der Bürgermeister. "Was
interessiert mich mein Geschwätz von gestern." Er hat viele solcher
Sprüche drauf: "Das Geld gehört in die Wirtschaft. Wie schon Ludwig
Erhard sagte." Gerade baut die Gemeinde für Wirtgen einen Tunnel. Und
gerade hat sie die Gewerbesteuern gesenkt, um 20 Prozentpunkte.
Windhagen kann es sich leisten, hat einen Haushalt von 20 Mio. Euro.
"Das muss man sich auf der Zunge zergehen lassen." Rüddel beugt sich
vor, leckt die Lippen. Gleich zwei Kitas hat das Dorf, ein
Designhotel, einen Golfplatz, ein Stadion mit Kunstrasen und eine
Leichenhalle mit Platz für 80 Leute. Und da ist das Forum, der
Bürgertreff mit 1500 Parkplätzen davor, oben, am höchsten Punkt
Windhagens: ein Fest aus Glas und Beton, mit Sektbar und Spiegelsaal,
Fußbodenheizung und 28-Meter-Bühne. "Wenn wir was machen, dann
richtig", sagt Josef Rüddel beim Rausgehen.
Unten liegt das Dorf. Kleine Lichter im Kirchdorf, Flutlichter im
Gewerbegebiet. "Früher war alles dunkel." Schweigen. Der alte Mann
schaut auf sein Dorf.
Wie soll es weitergehen? 83 Jahre ist er alt. Im nächsten Jahr ist
Wahl. Eigentlich wollte er aufhören. Aber er zaudert. "Noch ist ja
nicht alles geregelt. Wir müssen dafür sorgen, dass die Firmen die
nächsten 40 Jahre bleiben. Und der Wohnungsmarkt muss sich entwickeln.
Und ich muss den Nachfolger einarbeiten. Dass es weitergeht. Um Gottes
willen, es darf nicht zu Ende gehen."
Ein Kandidat wäre Rüddels Sohn Erwin. Er ist Beigeordneter im
Gemeinderat. Aber Erwin hat Pläne. Er will in den Bundestag.
Vielleicht erlebt nach Windhagen nun auch Deutschland ein Wunder...
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